
Interview über Mobbing
Interviewte: Frau Schaper, stellvertretend für das Beratungsteam
Wie würden Sie Mobbing definieren und ab wann spricht man nicht mehr nur von einem Streit?
Eine genaue Definition von Mobbing ist gar nicht so einfach. Für mich beginnt Mobbing dort, wo eine Person oder eine Gruppe gezielt über einen längeren Zeitraum immer wieder beleidigt, ausgegrenzt oder sogar körperlich verletzt wird. Ein Streit ist dagegen eher eine Auseinandersetzung zwischen zwei Parteien, die etwas miteinander zu klären haben. Beim Mobbing geht es nicht um einen Konflikt auf Augenhöhe, sondern darum, dass eine Person wiederholt von anderen schikaniert oder beleidigt wird.
Welche Formen von Mobbing treten heute besonders häufig auf – und insbesondere an unserer Schule?
Mobbing hat es schon immer gegeben. Auch zu meiner Schulzeit wurden Mitschülerinnen und Mitschüler ausgegrenzt, lächerlich gemacht oder fertiggemacht. Ich selbst gehörte damals eher zu den Mitläufern, die so etwas unterstützt oder zumindest nicht verhindert haben.
Das zeigt auch, dass Mobbing oft ein ganzes System ist. Es gibt nicht nur Täterinnen oder Täter, sondern auch Menschen, die mitlaufen, zuschauen oder das Verhalten unterstützen. Dadurch erhalten die Täter das Gefühl, dass ihr Verhalten akzeptiert wird.
Heute hat sich Mobbing vor allem durch soziale Medien, Smartphones und WhatsApp-Gruppen verändert. Es findet nicht mehr nur im Klassenraum oder auf dem Schulweg statt, sondern reicht bis in den privaten Bereich hinein. Beleidigende oder verletzende Nachrichten können jederzeit verschickt werden. Zudem erreichen solche Nachrichten oft viele Menschen gleichzeitig. Dadurch wird die betroffene Person einer deutlich größeren Öffentlichkeit ausgesetzt, und die Situation lässt sich viel schwerer kontrollieren.
Was sollten Schülerinnen und Schüler tun, wenn sie beobachten, dass jemand gemobbt wird?
Dieses System, das du mir gerade gezeigt hast, (gemeint sind die fünf Punkte von Zeichen gegen Mobbing e.V.) – beinhaltet bereits sehr, sehr wichtige Aspekte. Ich würde sie kurz erläutern. Erstens: den eigenen moralischen Kompass aktivieren und wahrnehmen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Anschließend sollte man sich gut überlegen, wie man der betroffenen Person helfen kann, und die Situation realistisch einschätzen. Schwieriger wird es an dem Punkt, an dem man selbst Sorge hat, in den Fokus der Täter zu geraten. Deshalb ist es wichtig zu überlegen, mit wem man gemeinsam handeln kann. Zum Beispiel: Kann ich selbst etwas gegenüber den Tätern sagen? Oder gehe ich auf die betroffene Person zu und teile ihr mit, dass ich das, was gerade passiert, nicht in Ordnung finde? Eine weitere Möglichkeit ist, sich an eine Lehrerin oder einen Lehrer zu wenden, mit den Eltern zu sprechen oder Freundinnen und Freunde in der Klasse einzubeziehen und sie dafür zu sensibilisieren, nicht zu unterstützen, sondern aktiv zu werden. Jeder kann etwas gegen Mobbing tun. Gleichzeitig muss jede und jeder für sich darauf achten, sich selbst geschützt zu fühlen und zu überlegen, welche Schritte sinnvoll und umsetzbar sind
Warum greifen Mitschülerinnen und Mitschüler trotz Beobachtung oft nicht ein?
Ein wichtiger Grund ist die Angst, selbst zur Zielscheibe zu werden. Manche reagieren vielleicht auch gleichgültig oder denken, dass sie die Situation nichts angeht. Dennoch glaube ich, dass die Sorge vor negativen Folgen für die eigene Person die größte Hürde darstellt.
Sie hatten bereits Cybermobbing angesprochen. Haben Sie den Eindruck, dass Cybermobbing in den letzten Jahren zugenommen hat?
Definitiv. Jugendliche verbringen heute viel Zeit in sozialen Netzwerken und digitalen Kommunikationsräumen. Dort fällt es vielen leichter, verletzende Dinge zu schreiben oder zu posten, als sie jemandem direkt ins Gesicht zu sagen. Die größere Anonymität senkt die Hemmschwelle. Deshalb werden im Internet oft Aussagen gemacht oder Inhalte verbreitet, die man in einer direkten Begegnung niemals äußern würde.
Welche Maßnahmen gibt es an unserer Schule, um Mobbing zu verhindern oder zu stoppen?
An unserer Schule gibt es verschiedene Anlaufstellen: die Klassenleitungen, die Beratungslehrkräfte, den Schulsozialarbeiter und das Beratungsteam. Die schrittweise Vorgehensweise, wie sie in den fünf Punkten von Zeichen gegen Mobbing e. V. beschrieben wird, ist dabei ein sinnvoller Ansatz.
Darüber hinaus gibt es den sogenannten No-Blame-Approach. Dabei handelt es sich um eine Methode zur Mobbingintervention, bei der ohne Schuldzuweisungen oder Bestrafungen gemeinsam mit einer Unterstützergruppe nach Lösungen gesucht wird. Welche Maßnahme gewählt wird, wird immer gemeinsam mit der betroffenen Person besprochen, um die bestmögliche Vorgehensweise zu finden.
Was würden Sie einem betroffenen Schüler oder einer betroffenen Schülerin raten, die Angst hat, Hilfe zu suchen?
Mobbing hört in der Regel nicht einfach auf, wenn man es ignoriert. Für die Täterinnen und Täter und oft auch für die Unterstützergruppe hat das Verhalten einen Unterhaltungswert. Deshalb ist es wichtig, sich Hilfe zu suchen.
Als Beratungsteam können wir versprechen, dass wir nichts unternehmen, ohne dies vorher mit der betroffenen Person abzusprechen. Das bedeutet, dass sowohl die Art des Vorgehens als auch das Tempo gemeinsam festgelegt werden. Niemand muss Angst haben, dass Maßnahmen ergriffen werden, die die Situation verschlimmern könnten. Gerade diese Sorge hält viele Betroffene davon ab, Hilfe anzunehmen.
Was müsste sich Ihrer Meinung nach an Schulen allgemein ändern, damit Mobbing seltener wird?
Diese Frage ist schwierig zu beantworten, weil bereits vieles gut funktioniert. Die meisten Schülerinnen und Schüler wissen sehr genau, was richtig und was falsch ist.
Dennoch wären mehr Klassenleitungsstunden hilfreich, um über soziale Themen zu sprechen, die nichts mit den klassischen Unterrichtsfächern zu tun haben. Außerdem müsste die Schulsozialarbeit weiter ausgebaut werden. Soziales Lernen sollte insgesamt einen größeren Stellenwert erhalten. Das betrifft jedoch nicht nur einzelne Schulen, sondern die Bildungspolitik insgesamt. Im Schulsystem fehlt häufig noch der notwendige Fokus auf soziale Kompetenzen.
Welche Auswirkungen kann Mobbing langfristig auf Betroffene haben?
Von Mobbing sind letztlich alle Beteiligten betroffen: die gemobbte Person, die Täterinnen und Täter sowie die Unterstützerinnen und Unterstützer.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass auch diejenigen, die damals weggeschaut oder mitgemacht haben, später Scham empfinden können. Für die betroffene Person kann Mobbing dagegen schwerwiegende Folgen haben. Dazu gehören ein Verlust des Selbstwertgefühls, starke Verunsicherung und im schlimmsten Fall sogar Suizidgedanken.
Deshalb ist es wichtig, Mobbing ernst zu nehmen. Auf menschlicher und persönlicher Ebene kann es tiefe und langfristige Verletzungen hinterlassen.